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HIRO MATSUOKA



Reviews

Decent Exposure

Johan Frederik Hartle


Körperteile eines Models auf dem Werbeplakat, unscharfe Gesichter von Vernissagebesuchern, oder anonyme Passanten vor der großformatigen Bildwand; die Schwarzweiss-Arbeiten des japanischen Fotokünstlers Hiro Matsuoka präsentieren unsere Lebenswelt aus fantasievollen Perspektiven.

Eine theatralische Darstellung von Alltagsszenen ist das zentrale Thema Matsuokas, der kurz nach dem Mauerfall nach Berlin kam und seit 1994 in Köln lebt. Während seiner Studienzeit in Japan und den U.S.A. verfolgte er zunehmend sein Interesse am Theater als Kunstform. Besonders fasziniert war er vom Wandlungsprozess, bei dem eine visuelle Interpretation eines geschriebenen Theaterstücks stattfindet.

Seine Erfahrungen als Theaterfotograf sind sowohl technisch als auch thematisch die Basis für seine späteren Arbeiten. Der Umgang mit vorhandenen, oft schwierigen Lichtsituationen auf der Bühne und die bewusste Wahl des Bildausschnitts prägten massgeblich seine Bildsprache. Bei der Herstellung der Pressebilder für das Theater entdeckte er das Potential der Fotografie, über die Dokumentation hinaus eigene Empfindungen vermitteln zu können.

Die aktuellen Arbeiten Matsuokas entstanden in den letzten Jahren durch beiläufige Entdeckungen in mehreren europäischen Städten. Da seine Aufnahmen meistens Snapshots sind, sind die Schauplätze oder Menschen nicht vorab arrangiert. Ob es sich um ein Pariser Cafe oder ein Tanzfest in Stockholm handelt, sind die Dargestellten allein durch die Inszenierungen mit seiner Kamera aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst und erhalten neue Rollen als Akteure im Bild.

Das Spiel mit Spiegelungen und Unschärfen macht in den Fotografien Interpretationsmöglichkeiten sichtbar und öffnet Fenster von einer nüchternen Wahrnehmung der Realität zur imaginären Scheinwelt. Matsuokas Fotografien sind kaum noch dokumentarisch, aber dennoch erinnert die Präsenz fragmentierter Alltagsspuren den Betrachter daran, dass solche szenischen Bilder sich überall in unserer unmittelbaren Umgebung verbergen.


— Schwarzweiss Nr. 44, Februar 2005



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